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Rezension: Mukherjee, Souvik: Indian Boardgames, Colonial Avatars. Transculturation, Colonialism and Boardgames

In den letzten Jahren wurde über Branchen- und Szenepublikationen eine Debatte über die Art der Darstellung des europäischen Kolonialismus in Brettspielen geführt. So stritten auch der Spielbox-Autor und Vorsitzender des Vereins Spiel des Jahres e.V. Harald Schrapers und Spieleautor Klaus-Jürgen Wrede über James Cook (Spielbox 2025), sogenannte “moderne Klassiker” wie Mombasa erhielten in ihrer neuen Auflage neue Themen (Möllemann 2022), um die koloniale Situation durch eine Umschiffung nicht zu thematisieren. Mit Volldampf voraus gestaltet hingegen der Autor Cole Wehrle Spiele wie John Company, die dem Thema keinesfalls aus dem Weg gehen, aber gerade deshalb eher ein Nischenprodukt bleiben. Wenig überraschend sind auch Beiträge auf geschichtswissenschaftlich orientierten Blogs wie Boardgame Historian oder Clio’s Board Games (2025) entstanden.

Cover: Indian Boardgames, Colonial Avatars

Diese Debatte ist sicherlich nicht in der Brettspielszene entstanden oder darauf beschränkt, sondern zeigt ein verstärktes Interesse und Kritik an postkolonialer Theorie, auch im wissenschaftlichen Diskurs um analoge Spiele. Während Flanagan/Jakobsson (2023) sich in Playing Oppression mit der Darstellung des Kolonialismus im Brettspielen auseinandersetzen und Aaron Trammel (2023) für eine Dekolonialisierung des Spiels an sich aufruft,[1]  setzt sich Souvik Mukherjee in seinem Buch Indian Boardgames, Colonial Avatars. Transculturation, Colonialism and Boardgames mit historischen indischen Spielen und wie sie durch den Kolonialismus verändert wurden, auseinander.

Games that have travelled

Mukherjees zentrale Stichworte sind dabei Transkulturation und Kontaktzone. Transkulturation hat dem kubanischen Autoren Fernando Ortiz zufolge drei Dimensionen: “acculturation (…) about the appropriation of cultural elements of another culture. Deculturation is the losing of some of the original cultural elements of an artefact of entity. Finally, neoculturation is the forming of new cultural elements due to the contact of the multiple cultures. All of these processes occur in the multidirectional process of transculturation” (Mukherjee 2024: 27). Mit Mary Louise Pratt ist Mukherjee der Auffassung, dass sich unterschiedliche Kulturen in einer Kontaktzone treffen. Dies ist gerade im Kontext des Kolonialismus keine Begegnung auf Augenhöhe und keineswegs friedvoll: “The contact zone is a space of disturbances and violence” (ebd.: 30) In dieser Kontaktzone kommt es zu einer Kreolisierung, d.h. zur Schaffung einer neuen Kreolkultur.

Für seine Untersuchung gelingt Mukherjee die Transkulturation von Spielen beschreiben, die auch für die deutsche Alltagskultur zentral sind wie Ludo, Schlangen und Leitern, Schach. Aber auch auf weniger bekannte Spiele wie Carrom wird eingegangen. Dies macht das Buch auch abseits einer akademischen Zielgruppe interessant. Gleichzeitig ist die (englische) Wortwahl jedoch eine wissenschaftliche, die für Laien nicht zugänglich erscheint.


Mukherjee möchte die Veränderung, die an diesen Spiele von Indien und wieder dorthin zurück unternommen wurden, rekonstruieren. Dies sieht er als bedeutend für das Verständnis des Kolonialismus an: “a rediscovery of the process of travel, exchange, effacement and transculturation involved in the making of these games also proves to be of paramount importance in understanding how colonialism reshaped artefacts, rules and cultures in other media as well.” (ebd.: 33) Hierzu geht Mukherjee auf Schlangen und Leitern sowie Ludo ein. Als Chaupar und Gyan Chaupar wurden sie nach Großbritannien geholt, dort fast vollständig verändert und in dieser neuen Form nach Indien “zurück”gebracht. Dabei wurde nicht nur das Material geändert, sondern auch der Zweck: “Then content changes from a pedagogical game to two derivative games, one that keeps the pedagogical element but changes it drastically and another that keeps the iconography and changes the purpose of the game altogether.” (ebd.: 58; Bilder von Chaupar und Gyan Chaupar befinden sich im Anhang des Buches).

Counterplay and Colonialism

Im Fazit des Buches wirkt Mukherjee vorsichtig optimistisch und geht hier nun auf moderne Brettspiele ein. Die Kritik an Spielen wie Siedler bzw. Catan sei inzwischen auch in der Brettspielproduktion angekommen und würde ein “counterplay” ermöglichen: “Counterplay in this sense of the counterhegemonic can be seen in recent boardgames as well, such as Spirit Island where the players as spirits who resist colonial settlers by scaring them.” (ebd.: 118). Spirit Island besetzt damit ohne Frage eine Nische, wenn auch schon – wie bereits von Bassermann (2021) auf Boardgame Historian erörtert und von Mukherjee nicht erwähnt – keineswegs unproblematisch. Mukherjee möchte aber noch eine weitere, radikalere Dimension des “counterplay” beleuchten: “in this sense of the word, it would be redefining the notion of play itself and using a new set of play logic and algorithms than what is common in eurogames (…) Excavating an earlier alternative logic of play effectively challenges the commonly known linkages and contexts of the game” (ebd.) Ob ersteres Erfolg haben kann (oder erstrebenswert ist) scheint zweifelhaft. Mukherjee selbst erwähnt das mesopotamische Königliche Spiel von Ur, das seinen Ursprung nicht in Indien hatte. Das Auffinden der Regeln bei einer kleinen jüdisch-indischen Gemeinschaft in Israel  deutet eine doppelte transkulturelle Bewegung an: “one that happened with the migration of the Malabar Jews made the Aliyah, or the immigration from the diaspora, to Israel. Finkel (1999: 9) recounts how he was able to obtain the rules for Ur from Ruby Daniel, a Cochin Jew who had emigrated to Israel and remembered the game as “Aasha”” (ebd.: 100). Die breite Veränderung des Spiels an sich blieb damit jedoch aus, das Thema ist eher eines für academic fans als für boardgame nerds. Zutreffend ist meiner Meinung nach jedoch, dass Mukherjee die historischen, kolonialen Verbindungen des Spiels offen legt: “Instead of being originary, as is often assumed, the existing rulesets are now rediscovered as European (mostly British) adaptions that have occurred in the journey from the colony to the metropole and back.” (ebd.: 118)

Souvik Mukherjee gelingt es mit seinem Buch die koloniale Geschichte und Veränderung mehrerer, heute fest in der Alltagskultur verankerten Spiele, darzustellen. Sein Buch leistet damit einen wichtigen Beitrag zur Debatte um die (Kolonial-)Geschichte des modernen Brettspiels.

Literaturverzeichnis

Bassermannn, Markus (2021): Anitkolonialer Widerstand und stumme Indigene: Vorstellung und Diskussion von Spirit Island, in: Boardgame Historian, 01.05.2026, URL:  https://bghistorian.hypotheses.org/1590 , letzter Zugriff 01.05.2026

Clios Boardgame (2025): The Berlin Conference, Colonialism, and Board Games, in: Clios Boardgame, , 31.05.2026, URL: https://cliosboardgames.wordpress.com/2024/11/10/the-berlin-conference-colonialism-and-board-games/

Flanagan, Mary/Jakobsson, Mikael (2023): Playing Oppression The Legacy of Conquest and Empire in Colonialist Board Games, Boston, MIT Press

Möllemann, Martin (2022): Skymines | Neuauflage von Pfisters „Mombasa“,  In: Brettspielnews, 31.05.2026,URL: https://www.brettspiel-news.de/index.php/nachrichten/9008-skymines-neuauflage-von-pfisters-mombasa

Mukherjee, Souvik: Indian Boardgames, Colonial Avatars. Transculturation, Colonialism and Boardgames, De Gruyter, Boston/Berlin, 2024

Spielbox (2025): Hintergründe zu James Cook, In: Spielbox, 31.05.2026,

URL: https://www.spielbox.de/in-eigener-sache/1252-hintergruende-zu-james-cook-background-on-james-cook

Trammel, Aaron (2023): Repairing Play: A Black Phenomenology, Boston, MIT Press

Philipp Kranemann
Philipp Kranemann

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OpenEdition schlägt Ihnen vor, diesen Beitrag wie folgt zu zitieren:
Philipp Kranemann (2. August 2026). Rezension: Mukherjee, Souvik: Indian Boardgames, Colonial Avatars. Transculturation, Colonialism and Boardgames. Boardgame Historian. Abgerufen am 15. September 2026 von https://doi.org/10.58079/16ndn


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